Vorgegaukelter Kompetenzerwerb?

Ein Beispiel aus der Praxis.

Im Fach Deutsch kommt der Analyse von Texten und der Entwicklung und Begründung eigener Standpunkte große Bedeutung zu. Für die Fachoberschule sieht der Lehrplan der 12. Klasse beispielsweise vor:

 

 

Diese Ziele des Lehrplans werden in Form von Aufsätzen geprüft. Gängig sind die Sprachanalyse, die Erörterung oder die literarische Charakteristik.

Im Studium lernt jeder Student zwangsweise und jeder Lehramtsstudent im Besonderen: Aufsätze oder Hausarbeiten schreibt man nicht am Stück und auch nicht einfach drauflos: Texte bedürfen der Planung.

Auch im Referendariat lernt man, dass die Planung der eigenen Stunden wie auch die Strukturierung von Inhalten für Schüler von großer Wichtigkeit ist.

In der Praxis werden oben genannte Ziele folgendermaßen umgesetzt: Aus organisatorischen und ökonomischen Gründen werden für das Schreiben des Aufsatzes 90 Minuten angesetzt; allerdings gibt es Schüler mit Lese-Recht-Schwäche oder Legasthenie, diese erhalten Zeitzuschläge zwischen 10 und 15 %. Also würde das 90-Minuten-Konzept gesprengt, diese Schüler müssten in die Pause hineinschreiben, was nicht wünschenswert ist. Folglich: Herabsetzung der Schreibzeit auf 70 Minuten, damit wirklich alle innerhalb 90 Minuten fertig sind.

Würde man einen ehrlichen Schreibprozess mit Einlesezeit und Planung als Maßstab nehmen, müsste man mindestens 10 Minuten Lesezeit und nochmal 10 MInuten Planungszeit abziehen; dann bleiben also 50 Minuten reine Schreib- und Denkzeit.

An meiner Schule wird dem Planen keine eigene Zeitspanne zugeschlagen, eine Gliederung wird nicht verlangt. Freilich kann ich als Lehrer das dennoch verlangen, mit der Konsequenz, dass meinen Schülern dann weniger Zeit zum Schreiben bleibt.

Faktisch ist das allen Lehrern klar, insofern behilft man sich damit, dass man ja ohnehin nur Kompetenzen prüft. Dass in 50 Minuten Schreibzeit keine echten geistigen Auseinandersetzungen auf Oberstufenniveau möglich sind, erst recht nicht bei einer heterogenen Schülerschaft, ist also gar nicht so schlimm: Denn auch ein unvollständiger Aufsatz (und damit Gedankengang) kann ja an beispielsweise immerhin einem richtig formulierten Argument zeigen, dass diese Kompetenz in Ansätzen beherrscht wird. Das kann man dann als „ausreichend“ bezeichnen, also vergibt man vier bis sechs Notenpunkte.

Im Abitur ist die Arbeitszeit dann zwar wesentlich umfangreicher. Aber die zu erwerbende Kompetenz wurde bis dahin nur in Teilbereichen trainiert und geprüft. Folglich bewerte ich auch im Abitur unter Berücksichtigung dieses systemimmanenten Fehlers, für den die Schüler ja nichts können.

Aber kann man dann noch davon ausgehend, dass die Ziele des Lehrplans wirklich erreicht werden?